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Ein Haus für Gäste

Sanierung und Umbau

Die Sanierung wurde in behutsamen Schritten im Sinne des Denkmalschutzes und des Geistes eines Veranstaltungsortes, der entdeckt werden will, durchgeführt. Im Wesentlichen wurden historische Materialien und Einrichtungsgegenstände verwendet, wie zum Beispiel:
alte „Sternfliesen“ im Theater-Café, die aus einer alten Brüsseler Hotelempfangshalle stammen, die kleinen Cafe-Tische aus dem legendären Cafe Odeon in Zürich, die Vertäfelung aus einen Dresdner Herrenzimmer, die zwei Tore zum „Grünen Foyer“ aus einer alten Bremer Feuerwehrwache, die Cafe-Theke aus einer alten Konditorei am Berliner Prenzlauer Berg. Die Stimmung im Inneren des Hauses weist sofort auf ein Gesamtkunstwerk von Raum und Inhalt, von Leben und Arbeit hin.

Im Juni 2010 zeichnete die Stadt Oldenburg das Theater Laboratorium mit dem „Denkmalschutzpreis 2010“ als „denkmalgerechte und sehr originelle Spielstätte“ aus.

Das Theater-Café und Foyer mit einem Weitwinkelobjektiv

Der Theatersaal mit 182 nummerierten Sitzplätzen

Finanzierung des Umbaus der ehemaligen "Halle am Steinweg" in ein Theater

Die Finanzierung des Theaterumbaus wurde möglich durch viele Privatspender, Firmenspenden, Mitteln vom Land Niedersachsen und der EU, Zuwendungen aus den Stiftungen. Beteiligt waren unter anderem: Europäische Union - Europäischer Fond für regionale Entwicklung, Stadt Oldenburg, Niedersächsiche Lottostiftung, Kulturstiftung der Öffentlichen Versicherungen Oldenburg, Benken Gruppe Oldenburg, Bremer Landesbank, CeWe Color AG & Co. OHG, Oldenburgische Landesbank AG, Stiftung Kunst und Kultur der Landessparkasse zu Oldenburg, VR-Stiftung, Raiffeisenbank Oldenburg e.G., die Spender der Aktion 99 x 999, die Teilnehmer der Aktion 999 x 99, die Spender der Theaterstuhlaktion, Architekturbüro Bliefernicht, Dr. Rainer Kolkmann,Marius Eriksen, Schmacker und Sohn Malerei GmbH, Friedemann Richter - Landschafts- u. Gartenbau, Glaserei Gassewitz KG, Büsing & Fasch GmbH, Jörg Ridderbusch - Kunst- u. Bauschlosserei, Sabine und Egon Gramberg, Zimmerei Erwin Reinen, Ullmann Einrichtungen GmbH, Nordbeton GmbH, Barbara Springer, Ev. luth. Kirchengemeinde Eversten, Fa. Microplex GmbH, Dinklage Hallecker Architekten und Ingenieure, Prof. Dr. Burckard, Boskop & Matthias, Naturbau GmbH und den Förderverein Figurentheater Oldenburg e.V.. Weitere Mittel kommen aus Einspielergebnissen der Vorstellungen.

 

10 Jahre Theater Laboratorium in Oldenburg


Auf einem Dach steht eine Kuh. Das muss es sein, das Domizil von Pavel Möller-Lück und seiner Partnerin Barbara Schmitz-Lenders. Das Theater Laboratorium wirkt wie ein schwedisches Wochenendhaus , schon von außen sehr einladend und innen von geradezu beglückend warmer Atmosphäre. Fundstücke aus Trödelmärkten, Weichholzmöbel aus Südfrankreich, ein gastronomischer Wintergarten, selbst gebackene gefüllte Teigtaschen, alles atmet den persönlichen Hauch der Gastgeber. Ja, das ist wohl der richtige Begriff. Und die Gäste strömen auch schon.

Die Vorstellung beginnt : "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" von Eric-Emmaniel Shmitt. Pavel Möller-Lück bettet die Geschichte vom jungen Momo, der sich allein durchschlagen muss und in einem arabischen Lebensmittel seinen Freund findet, in eine Rahmenhandlung ein. Er selbst spielt den erwarchsenen Momo, der sich im Café ab seinen alten Freund Ibrahim erinnert. Allmählich kommen die Figuren ins Spiel. Das orientiert sich textlich genau der Vorlage, die für das Puppenspiel wie geschaffen scheint. Die Puppen ermöglichen viele Nuancen, sie sind melancholisch und nachdenklich und ernst,aber auch frech, warm und fröhlich. Das liegt um einen an der gelungenen Gestaltung der Figuren in verschiedenen Ausführungen. In klein, in sehr klein, als Flachfigur in einem herrlich einfach gerupften Kartonbühnenbild, als Scherenschnitt und in winzig klein. Zum anderen liegt es natürlich am Spiel von Pavel Möller-Lück, der alle Facetten der Erzählung herausarbeitet. Da ist etwa der Schmerz des Jungen über den Verlust des Vaters zugleich eine herausgeschriene Wut über die Ungerechtigkeit und die Zumutung, ihn so sitzen zu lassen. Und wenig später lacht man schon wieder, wenn mit simpelsten Ideen die nun verwaiste väterliche Wohnung in ein hippes Jugendzimmer verwandelt wird. Ein stetiger Wechsel von Rührung und Komik, den ich schon bei "Was wurde eigentlich aus Konrad Müller?" und "Der kleine Herr Winterstein" als typisches Stilmittel empfand.
Und eine ideale Geschichte für Pavel Möller-Lück. Wieder eine Art Vater-Sohn-Beziehung. In seiner ungewöhnlichen Interpretation von "Der Froschkönig", spielte er ebenfalls einen Vater, eben den Frosch-könig. Und sein Sohn, der Frosch, war mitten in der Pubertät und hatte Angst vor dem ersten Kuss. Damals wunderte ich mich noch, dass jemand so genau den Ton dieses Männerwochenendes traf, samt Cola und Ketchup. Inzwischen weiß ich, dass Barbara und er gemeinsam vier Kinder haben.
Nach der Vorstellung zeugt Pavel Möller-Lück stolz das "neue Projekt", eine leer stehende,alte Turnhalle, gleich in der Nachbarschaft und für Theater wie geschaffen. Wir steigen im Finstern über Tonnen,Gerümpel und Schneematsch, damit mit der Taschenlampe einen Blick durch die zerbrochenen Scheiben ins Innere werfen kann. Das sieht viel versprechend aus – und nach einer Menge Arbeit. Dieser stille Gedanke kommt mir wenig später sehr lächerlich vor, als ich das Haus sehe, in dem Barbara und Pavel mit den Kindern Leben. Da versteh jemand sein Handwerk nicht nur auf der Bühne. Interessant ist die enge Verknüpfung von Arbeit und Leben. So wohnen in diesem Haus auch andere Mitarbeiter des Theaters. Da schaffen sich Menschen eine Heimat, auch für ihr Theater. Ein großer Kerl mit Motorrad-Helm  marschiert durch den Raum, das ist Levin, der Älteste. Barbara kümmert sich gerade um die Zweijährige, Fine, da kommt Pavel zu nächtlicher Stunde in den Kopf ein Lagerfeuer zu machen. Es ist Anfang Februar und wunderbar. Am nächsten Morgen sind beide schon lange vor mir auf, der Keuchhusten, erklärt Barbara. Elias spielt Zirkusäffchen,  Lilith ist voll entnervt, und Pavel backt mir einen Pfannkuchen.

 

Der Süden Skandinaviens oder die Gebäudeflüsterer

Annette Dabs: Was hat euch eigentlich ausgerechnet nach Oldenburg verschlagen ?

Pavel Möller-Lück: Barbara studierte Figurentheater in Stuttgart, ich hatte einen Lehrauftrag an der Hochschule und leitete das Figurentheater in Stuttgart. Hier bestand meine Aufgabe darin,das Haus behutsam in die Moderne zu führen und gleichzeitig mit der Einrichtung eines internationalen Festivals zu einem echten Ort für das europäische Figurentheater zu machen. Das war Pionierarbeit, die traditionell nicht ohne Reibungsverluste auskommt. Bei der Wahl eines festen Domizils haben wir uns dann für den Norden entschieden. Der Norden ist der Süden Skandinaviens. Eine Region, die uns immer schon angezogen hat. Ich kannte Oldenburg bereits, hatte an der Universität im Fach Visuelle Kommunikation unterrichtet und Kontakte zur Kulturverwaltung. Wir wollten kein Theater teilen, wie es ein Stuttgart der Fall gewesen wäre. Unsere Energie war immer ausgelegt auf ein eigenes Haus.

Dieses "Eigene Haus": wie sah das vorher aus, und wer hat den Umbau finanziert?

Das Haus hatte eine wechselhafte Geschichte. Im ersten Weltkrieg gebaut als mobile Lazarettbaracke, wurde es komplett verschifft nach Afrika, und nach dem Krieg in einer klassizistischem Klinik wieder aufgebaut. Ein Haus auf Tournee. Die Baracke sollte Parkplätzen weichen. Wir haben dann gekämpft um das Gebäude, einen Entwurf und ein Modell gebaut und die Verwaltung überzeugen können. Mit Mitteln der Stadt Oldenburg und des Landes Niedersachsens sowie der Lotto-Stiftung wurde die Baracke 1995 zu einem Theater umgebaut. Die gesamte Inneneinrichtung haben wir selbst finanziert und gestaltet, um keine Kompromisse bei der Ästhetik machen zu müssen. Die Stadt Oldenburg stellt uns das Gebäude frei zur Verfügung und übernimmt die Energiekosten. Das war unsere Minimalforderung für ein festes Haus. Das Land unterstützt uns mit Projektzuschüssen für unsere Neuinszenierungen. Die öffentlichen Mittel beziffern sich auf nur ca. 20 Prozent unseres Etats. Ein Förderverein mit 160 Mitgliedern engagiert sich. Der Rest wird eingespielt.

Und das offensichtlich sehr erfolgreich. Wie erklärt ihr euch diese Liebe und Treue eures Publikums?

Wir waren von Anfang an ausverkauft. Circa 35.000 Zuschauer kommen zu uns pro Spielzeit. Ein kleines Wunder. Da war eine tiefe Sehnsucht nach Authentizität und Nähe zum Theater. Oldenburg ist eine Theaterstadt mit Tradition. Mit uns kam eine andere Form, eine andere Bildersprache und eine neue Energie. Die Zuschauer haben gewartet und gefunden. Das hat sofort gepasst.

Das Publikum liebt dich offensichtlich nicht nur als Figurenspieler, sondern auch als Schauspieler.

Schauspiel ist seit vielen Jahren das Zentrum. Aber die Welt des Figurentheaters gehört dazu. Es flankiert mit seinem eigenen Blick auf die Dinge, seiner Bilderwelt und Formensprache meine Arbeit. Zudem verwende ich gerne eine Schnitttechnik. Räume und Momente wechseln hierdurch in großer Geschwindigkeit.

Und es gibt immer auch den schnellen Wechsel von Melancholie und Komik.

Ja. Ein clowneskes Prinzip. Ich schätze es, durch scheinbare oder wirkliche Philosophien durchzureiten, um dann wieder Anwalt für das Kleine, das Komische oder das Unscheinbare zu werden.

Du sprachst von der  "Welt des Figurentheaters". Was ist dir in dieser Welt wichtig?

Kaum eine Szene in der Kulturlandschaft hat in den letzten Jahren eine solch rasante Entwicklung vollzogen. Die Haltung zu den Dingen und Objekten wird neu buchstabiert. Das ist auch ein Angriff auf das Establishment des Betrachtens. Die Zuschauer bekommen eine neue Sprache an die Hand. Dort, wo sich diese Form um sich selbst dreht und feiert, macht sie sich obsolet. Erst eine Geschichte gibt Halt. Und darum geht es im Theater.

Wonach wählst du diese Geschichten aus, warum z.B. "Ibrahim"?

Lange bevor Elke Heidenreich dieses Buch hoch stilisierte , bekam ich die Lektüre nach einem Gastspiel in der Schweiz von einer Zuschauerin in die Hand. Literarisch ist das für mich nicht der große Wurf. Auch der Vorwurf eines Plagiats durch Eric-Emmanuel Schmitt ist ernst zu nehmen. Aber da waren Übereinstimmungen mit meiner Biografie. Ich bin ohne Vater groß geworden,deshalb habe ich mir zuerst Väter gemalt und später Väter gesucht. Momos Vater ist Opfer und Täter. Entscheidend ist die Tatsache, dass er ein Idiot ist. Das kann schon einmal passieren und wird mit einer gewissen Radikalität auch formuliert. Hier fing es für mich an, interessant zu werden.

Wie stark ist die Erwartungshaltung des Publikums gegenüber den Stoffen? Gibt es Raum für Experimentelles oder Sperrigeres?

Wir Beobachten, dass das Publikum unsere selbst geschriebenen Stücke genau so akzeptiert wie die Bearbeitung bekannter Stoffe. Das macht Mut. Gegen Kafka sträuben sie sich ein wenig,das liegt aber in der Natur der Sache, hier geht es irritierend nach innen. Aber wir setzen das durch. Dazu gehört Vertrauen.

Welche Rolle spielen eure eigenen Kinder bei der Stückauswahl und der Inszenierung?

Alles spielt eine Rolle,was im Zentrum unseres Lebens steht. Unsere Kinder sind zwischen fast zwei und sechzehn Jahren. Ein spannendes Spektrum.

Wie ist es möglich diese erfolgreiche Theaterarbeit und ein so reiches Familienleben unter einen Hut zu kriegen?

Das ist pure Artistik, Herausforderung, Lebendigkeit, Organisation und Kontinuität. Leben eben.

Du stehst fast jeden Tag auf der Bühne? Ist das auszuhalten?

Es ist ein großes Fest, auch mit einer intensiven physischen Herausforderung. Vielleicht auch eine Sucht. Aber kein Abend gleicht dem anderen. Ein Abend spendet die Kraft für den nächsten.

Bei dieser Begeisterung für die Herausforderungen: Gibt es neue Pläne, Komplotte, Sehnsüchte, verstiegene Wünsche?

Ja. Wir haben ein neues Gebäude entdeckt. Eine Backstein-Turnhalle von 1869 im Dornröschenschlaf. Ein aufregender Raum, ohne Säulen, mit vielen Möglichkeiten. Nur wenige Meter von unserem Theater entfernt. Das soll unser neues Theater werden. Die neue Bühnenmaße erlauben auch Gastspiele, die wir bisher nur in angemieteten Räumen veranstalten konnten. Ein großes Foyer wird mit einem Podium für Konzerte zu einem eigenen Veranstaltungsbereich werden. Die im jetzigen Haus begonnene Konzertreihe läuft sehr erfolgreich. Ein neues Epizentrum wird entstehen für die Kultur im Nordwesten. Öffentliche Mittel sind rar, wir wenden uns an die Fördervereine, Sponsoren, Stiftungen und viele Freunde. Wir sind infiziert von dieser Idee und deshalb kaum noch zu stoppen. Und wir sind in der glücklichen Lage von unserem Team uneingeschränkt unterstützt zu werden. Barbara und mir begegnen seit vielen Jahren immer wieder Baudenkmäler, die von uns gerettet werden wollen. Architektur hat uns immer fasziniert. Drei Architekten im Laboratorium Team spiegeln diese Neigung wieder. Irgendwie sind wir Gebäudeflüsterer.

http://www.theater-laboratorium.org/